Jahresbericht PSZ-Nordbaden 2021

Psychosoziales Zentrum Nordbaden (PSZ-Nordbaden)

Eine Einrichtung der Behandlungsinitiative Opferschutz (BIOS-BW) e.V.

Das seit 2018 bestehende Psychosoziale Zentrum Nordbaden wurde ab 2022 im Sinne der Umstellung von Projekt- auf institutionelle Förderung durch das Ministerium für Soziales, Gesundheit und Integration Baden-Württemberg zur Einrichtung von BIOS-BW.

In 2021 wurde das PSZ-Nordbaden mit Landesmitteln vom Ministerium für Soziales, Gesundheit und Integration Baden-Württemberg als ein regionales Projekt zur ambulanten dolmetscher-gestützten psychotherapeutischen und psychosozialen Versorgung von traumatisierten Geflüchteten finanziell unterstützt. Ergänzend wurde das PSZ-Nordbaden in 2021 neben den Eigenmitteln des Vereins vom Landkreis Rhein-Neckar, Landkreis Karlsruhe, Landkreis Enzkreis, Landkreis Heilbronn und Landkreis Calw sowie von der Stadt Heidelberg gefördert. Zudem wurde ein kleines Projekt von der Dr. Buhmann Stiftung für interreligiöse Verständigung bezuschusst. Im Jahr 2021 setzte das PSZ-Team seine Angebote zusätzlich zum Präsenzkontakt über die eigene audiovisuelle Plattform BIOS-Meet weiter um. Darüber hinaus wurden die Standorte in Heidelberg, Karlsruhe, Mannheim und Pforzheim durch den Standort Heilbronn ergänzt. In 2021 wurden zusätzlich vermehrt Kinder und Jugendliche psychosozial versorgt.

 

Das PSZ-Nordbaden in Zahlen

 

2021 konnten 108 erwachsenen Geflüchteten mit Flucht und Migrationshintergrund über 3062 Kontaktstunden angeboten werden sowie acht Kindern und Jugendlichen mit über 90 Kontaktstunden. Im Vergleich zum Vorjahr (2020) wurden insgesamt weniger erwachsene Klient*innen, jedoch mit mehr Kontaktstunden psychosozial versorgt.

Im Jahr 2021 erhielt das PSZ-Nordbaden über 126  Anfragen von erwachsenen Geflüchteten von denen 34 als Klient*innen im PSZ-Nordbaden angebunden werden konnten. Die Warteliste umfasst inzwischen bis zu über 100 Anfragen. Es kam im Jahr 2021 in mindestens sieben Fällen zu einer Vermittlung an Kooperationspartner*innen und in lediglich zwei Fällen wurde das Angebot eines Erstgesprächs seitens der Klient*innen nicht wahrgenommen. Im Bereich Kinder und Jugendliche gab es 21 Anfragen, von denen acht aufgenommen werden konnten.

 

In der gesamten Projektzeit von Mai 2018 bis Dezember 2021 wurden über 230 Klient*innen mit mehr als 6300 Kontaktstunden versorgt.

 

Die Anzahl neu aufgenommener Klient*innen ist gegenüber dem Vorjahr rückläufig obwohl die Anzahl der abgehaltenen und in Anspruch genommenen Stunden erheblich gestiegen ist. Dies lässt sich dadurch begründen, dass viele der im Vorjahr aufgenommen Klient*innen weiterhin in Behandlung waren. Die Psychosozialen Zentren stehen vor der schwierigen Aufgabe Klient*innen einerseits möglichst so lange anzubinden, dass traumatische Erfahrungen therapeutisch bearbeitet werden können, was dem Team auch in 2021 immer besser gelungen ist. Andererseits bleibt weiterhin eine erhebliche Versorgungslücke, die aber klinisch gesehen nicht durch eine Kürzung der Kontaktstunden erzielt werden sollte.

 

 

Die 16 geflüchteten Männer und 18 Frauen (n=34), die in 2021 durch das PSZ-Nordbaden neu aufgenommen wurden, stammen aus Iran und Syrien (7), Irak, Gambia und Nigeria (4), Afghanistan, Algerien, Kamerun (2), Guinea und Tunesien (1). Ihr Wohnort war in den Landkreisen Rhein-Neckar-Kreis (10), Karlsruhe (7), Heilbronn (5), Enzkreis (3), Rastatt (2), Ortenaukreis, Böblingen (1) und den Städten Heidelberg (1), Karlsruhe (3), Mannheim (1).

17 Klient*innen, die in 2021 aufgenommen wurden, waren bleibeberechtigt, acht Asylantragstellende und eine befand sich im Klageverfahren. Sechs Klient*innen galten als geduldet und zwei Klient*innen hatten einen anderen Aufenthaltsstatus.

Sieben der aufgenommenen Kinder und Jugendlichen wohnten im Landkreis Karlsruhe und eines im Landkreis Rastatt.

Insgesamt 108 volljährige, geflüchtete und psychisch belastete Migranten*innen wurden in 2021 in über 10 verschiedenen Sprachen (Albanisch (1), Arabisch (24), Armenisch (1), Dari (16), Englisch (13), Farsi (42), Französisch (7), Kurdisch (1), Somalisch (1), Tamilisch (2)) mit psychologischen/ psychosozialen Beratungen, psychotherapeutischen, traumatherapeutischen und sozialarbeiterischen Angeboten, Kriseninterventionen sowie Notfall- und Telefonsprechstunden in multiprofessionellen Settings versorgt. Einige der Behandlungssprachen (Albanisch, Armenisch, Tamilisch) wurden durch unser Therapeutenteam gemeinsam mit Sprachmittler*innen realisiert.  Es wurden mit Klient*innen mehr als 3050 Kontaktstunden (Therapie, Sozialarbeit, Telefonkontakt etc.) vereinbart, davon wurden über 82 % (in 2020=75%) wahrgenommen.

Das Klientel des PSZ-Nordbaden in 2021 wurde durch Ärzt*innen, Bekannte und Verwandte der KlientInnen, regionale Beratungsstellen und weitere soziale Einrichtungen sowie über das Integrationsmanagement und die Landratsämter an uns verwiesen.

Anzumerken ist, dass durch die politische Lage in Afghanistan das Team des PSZ-Nordbaden mit vielen Kriseninterventionen konfrontiert wurde. Viele insbesondere farsi-/ darisprachige KlientInnen waren psychisch akut belastet und benötigten besondere Aufmerksamkeit - zum Teil waren zusätzliche und längerdauernde Termine sowie Überweisungen an Psychiatrische Einrichtungen notwendig. Dies waren besondere Leistungen, die nur zum Teil im Dokumentationssystem abgebildet werden konnte. Weiterhin erschwerte sowohl für die Klient*innen und als auch das Team die Pandemie die Arbeit.  Pandemiebedingte Belastungen und Arbeitsbedingungen mussten dabei berücksichtigt werden.

Das PSZ-Team

 

In 2021 hat sich das Team des PSZ-Nordbaden weiterhin zu einem vorbildlichen interdisziplinären, interkulturellen und vertrauensvoll zusammenarbeitenden Team entwickelt. Es ist inzwischen sowohl mit anderen Bereichen von BIOS-BW (Traumaambulanz OTA, BIOS-Youngsters, Forensische Ambulanzen sowie BIOS-Akademie) bestens vernetzt und hat sein Netzwerk mit externen Einrichtungen (Kommunen, Beratungs- und Hilfeeinrichtungen und anderen PSZs sowie Kommunalen- und Landesarbeitsgruppen) weiter ausbauen können. In der Arbeit mit geflüchteten Personen, die Großteils unter erheblichen traumatischen Belastungen leiden und entsprechend erschwert am Integrationsprozess teilnehmen können, bleibt die intensive Zusammenarbeit das Herzstück.

Alle Mitarbeiter*innen erhielten weiterhin die Gelegenheit zur Teilnahme an Fort– und Weiterbildungen. Seit 2021 nehmen mehrere PSZ-Mitarbeiter*innen an der Fortbildung „Spezielle Psychotraumatherapie (DeGPT)“ mit u. a. dem Vertiefungsmodul „Interkulturelle Kompetenz“, teil. Auch weitere Fortbildungen im Rahmen der BIOS-Akademie kamen den Mitarbeitenden des PSZ-Nordbaden zugute. 2021 wurde im Rahmen eines kleinen Projekts „Workshop für interkulturelle Begegnung“, welches von der „Dr. Buhmann Stiftung“ gefördert wurde, Gruppenangebote umgesetzt. Das Gruppenangebot für Frauen in Heidelberg (therapeutisch gestützte Wandergruppe) wurde ein weiteres Mal realisiert.

Ein besonderer Schwerpunkt der Weiterentwicklung war der Aufbau der Versorgung von psychisch belasteten geflüchteten Kindern und Jugendlichen in Zusammenarbeit mit Projekt „BIOS-Youngsters“.

Maßnahmen des Qualitätsmanagements (Intervisionen, Supervisionen, Teambesprechungen, Ausbau des Dokumentationssystems) sowie Bewerbungs- bzw. Personalauswahlgespräche, Networking-Aktivitäten, Kooperationsgespräche, Öffentlichkeitsarbeit und Mittelbeantragung wurden in 2021 weiterhin und mit höherem Aufwand geleistet. Highlights der Netzwerkaktivitäten sind die Fachmitgliedschaft in der Bundesweiten Arbeitsgemeinschaft Psychosozialer Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer e.V. (BAfF) im November 2021, die Mitgliedschaft in der Landesarbeitsgemeinschaft der Psychosozialen Zentren Baden-Württemberg (LAG Flucht und Trauma) sowie Mitgliedschaft im Gemeindepsychiatrischen Verbund des Landkreises Karlsruhe.

Im Jahr 2021 wurde die Arbeit des PSZ-Nordbaden dem Integrationsmanagement und den Sozialarbeiter*innen des Landkreises Heilbronn, im  Gemeindepsychiatrischen Verbund des Landkreises Karlsruhe, auf der Mitgliederversammlung der BAfF und einigen externen Kooperationspartner*innen vorgestellt. Im Rahmen des Workshops „Gesundheit im Migrations- und Integrationskontext“ des Landratsamts Rhein-Neckar-Kreis (Stabstelle Integration) im Oktober wurde das Angebot des PSZ-Nordbaden ebenfalls präsentiert.

Die wichtigsten Weiterentwicklungen in 2021 waren:

  • die durch drei runde Tische des Ministeriums für Soziales, Gesundheit und Integration Baden-Württemberg in Zusammenarbeit mit den wichtigsten Akteuren des Landes verfassten „Empfehlungen zur vernetzten Versorgung psychisch traumatisierter Geflüchteter“,

  • die durch intensive Zusammenarbeit der LAG Flucht und Trauma mit dem Ministerium für Soziales, Gesundheit und Integration Baden-Württemberg erreichte institutionelle Förderung der Psychosozialen Zentren in Baden-Württemberg ab 2022,

  • abgeschlossene Kooperationsvereinbarungen mit Landratsamt Heilbronn und Landratsamt Calw für die Folgejahre.

Des Weiteren wurden im Jahr 2022 der Aufbau des neuen Standorts in Heilbronn und der Ausbau der Online-Plattform für Online-Behandlungen (BIOS-MEET) durchgeführt.  

Das PSZ-Team bestand 2021 aus 17 Personen, die voll- oder Teilzeit im Projekt beschäftigt waren. Das Team, unter der Leitung von Prof. Dr. Thomas Hillecke (Prof. für Klinische Psychologie und Psychologischer Psychotherapeut) und Pedram Badakhshan (Therapiewissenschaftler M. Sc. und Musiktherapeut B.A.) mit insgesamt drei Psychologischen Psychotherapeut*innen, zwei Psychologischen Psychotherapeut*innen in Ausbildung (PiA),  drei Fachkräften im Bereich Sozialberatung (Interkulturelle Bildung, Migration und Mehrsprachigkeit, Sozialwissenschaften, M. A. Internationales Recht), zwei Psychologin Master und Bachelor (Dipl. Venezuela), eine Kinder- und Jugendpsychotherapeutin in vorgeschrittener Ausbildung, ein Sprachmittler (angehende Psychologen Master) und vier Verwaltungskräften, konnte mit der großen Unterstützung der IT-Abteilung und des Leitungsteams von BIOS-BW sowie zwei Praktikant*innen seine Angebote im Jahr 2021 weiter entwickeln und verstetigen. 

Die Zukunft des PSZ-Nordbaden

Das PSZ-Nordbaden wird ab dem Jahr 2022 eine Einrichtung der BIOS-BW e.V. sein und damit seine Rolle in der psychosozialen Versorgung der psychisch belasteten Geflüchteten verstetigen. Es wird hier für die Einzugsgebiete Heidelberg (Stadtkreis), Mannheim (Stadtkreis), Neckar-Odenwald, Rhein-Neckar, Heilbronn (Landkreis), Heilbronn (Stadtkreis) als einziges PSZ zuständig sein. Die weiteren Einzugsgebiete Baden-Baden (Stadtkreis), Calw, Enzkreis, Karlsruhe (Landkreis) Karlsruhe (Stadtkreis), Pforzheim (Stadtkreis), Rastatt und Main-Tauber-Kreis wird sich das PSZ-Nordbaden mit einem bzw. zwei weiteren PSZn in Baden-Württemberg teilen.

Es bleibt weiterhin dringend erforderlich, die Angebote des PSZ aufrecht zu erhalten und auszubauen, da die Bedarfe weiterhin sehr hoch sind und voraussichtlich hoch bleiben werden. Alle Psychosozialen Zentren machen hierbei die gleiche Erfahrung: Die Nachfrage ist erheblich höher als die Versorgungsmöglichkeiten, was zu umfassenden Wartelisten und relativ langen Wartezeiten auf einen Therapie- bzw. Beratungsplatz führt.

Wir bedanken uns an dieser Stelle nochmals herzlich bei allen Kolleg*innen und Kooperationspartner*innen sowie Unterstützer*innen des PSZ-Nordbaden für das erfolgreiche Arbeitsjahr und freuen uns auf die weitere Zusammenarbeit.

 

Mit freundlichen Grüße

Im Namen des Teams des PSZ-Nordbaden

Prof. Dr. Thomas Hillecke & Pedram Badakhshan